Jahrhundertgewitter

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Draussen sitzen, auf einem der gar nicht mal so bequemen Stühle auf dem Balkon, während das Nass runterstürzt.

Sehen, wie das Wasser vom Wind getragen von den Dächern spritzt. Wie die Tropfen von den Blättern der Bäume rinnen.

Fühlen, wie die kühle Nässe die Haut berührt – ganz sanft die Berührung, als wolle sie über die Gewalt des Gewitters hinwegtäuschen.

Das Prasseln hören. Und die anderen Geräusche, die darin versinken, verschwimmen. Ein Auto, das mehr vorbeischwimmt als fährt. Ein Glockenspiel auf dem Balkon, dessen hölzerner Klang sich mit dem strömenden Wasser und dem Rauschen der Bäume vermischt.

Den Duft der Pflanzen einatmen, die hin- und hergeworfen werden von den Böen. Nasses Grün, das riecht ein bisschen so wie frischer Salat.

Ein Jahrhundertgewitter.

Und was mache ich? Ich sitze auf dem Balkon, grusle mich wohlig ab der Macht der Natur. Ich freue mich. Versuche, das Gewitter mit allen Sinnen wahrzunehmen, aufzusaugen. Nicht denken, nur fühlen.

Aber weil das eben doch gar nicht so einfach ist, denke ich trotzdem. Deshalb habe ich kurzerhand meinen Computer geholt, auf meinem Schoss abgelegt. Geschaut, dass der Bildschirm nicht nass wird. Und begonnen zu schreiben. Denn Schreiben ist auch so etwas wie Denken, nur irgendwie schöner.

 

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Der Traum

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Als ich heute Morgen erwachte, fühlte ich mich, als wäre ich knapp dem Ertrinken ertrunnen. Allmählich erkannte ich mein Bett, mein vertrautes Zimmer, und ich realisierte: Das eben war ein Albtraum gewesen.

Wir standen alle auf einer staubigen Strasse an einer Mauer. Auf den Gesichtern der Leute um mich herum war Angst zu sehen.

Bald verstand ich, warum: Eine Gruppe Männer in Militäruniformen trabte heran. Sie brüllten unverständliches Zeugs und verfolgten ein paar Leute in lumpigen Kleidern. Ich sah, dass die Uniformierten Waffen hatten. Sie schossen auf die fliehenden Menschen, trafen eine Person. Geschrei.

Während sie den leblosen Körper in ein Fahrzeug trugen, drückte ich mich panisch an die Mauer. Ich wollte fort hier, aber wegrennen war keine Option. Ihre Waffen waren schneller als meine Beine. Deshalb blieb ich stehen wie alle anderen Leute neben mir, versuchte mich unsichtbar zu machen.

Nachdem die Leiche im Fahrzeug versorgt war, kamen die Uniformierten zurück zur Mauer. Sie gingen prüfend an den Leuten vorbei, die aufgereiht dastanden wie Hühner auf einer Stange. Ich atmete ganz flach und vermied Augenkontakt. Bei einem älteren Mann in einem langen dunklen Gewand blieben sie stehen. Sie redeten laut auf ihn ein. Ich verstand kein Wort. Er antwortete leise und eingeschüchtert. Die Männer hingegen sprachen immer lauter. Dann begannen sie, ihn zu schlagen. Was sollte ich tun? Mein Körper war wie gelähmt. Und selbst wenn ich nicht so Angst gehabt hätte: Was hätte ich denn tun können? Es war unmöglich, sich zu wehren. Das sagten mir auch die stummen, panischen Blicke der Personen, die mit mir an dieser Mauer standen. Wir waren der Gewalt dieser Männer völlig ausgeliefert. Vielleicht würde ich jetzt sterben.

Dann wachte ich auf.

Erleichterung.

Zum Glück war das nur ein Traum! Ein seltsamer zwar, ja, aber das Hirn produziert manchmal Absurdes. Ich war schnell bereit, mich wieder völlig auf meinen (nun ziemlich unspektakulär scheinenden) Alltag einzulassen, da fiel mir etwas auf:

Es war nur ein Traum – aber war er tatsächlich so absurd und realitätsfern?

Nein, offensichtlich nicht. Es gibt Länder, in denen solche Zustände herrschen. Wenn ich dort geboren worden wäre, würde ich solche Szenen womöglich tatsächlich erleben. Dass ich hier in Sicherheit bin, ist ein einziges Privileg.

Shit. Mein Albtraum ist vorbei, aber für manche Leute geht er einfach immer weiter.

Nachruf für eine besondere Katze

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Chichita Wurst, Jacqueline, JJ („Tscheitschei“), Böötli, „Stäckebeinli“ – unsere Katze hatte verschiedene Spitznamen, aber eigentlich hiess sie Chichi. Diesen Namen hatte sie von ihren vorherigen Besitzern erhalten und sie hörte auf ihn. Nach dem Tod ihres früheren Frauchens kam sie mit ihrer Schwester ins Tierheim.

Dort sah ich sie zum ersten Mal.

Die Tierpflegerin rief nach ihr, und sofort kam die kleine schwarze Katze aus dem Aussengehege angerannt. Sie war nie eine sehr elegante Erscheinung – keine dieser polierten Rassenkatzen. Stattdessen hatte sie Schuppen und im Tierheim begonnen, sich die Haare von den Innenseiten der Beine und dem Bäuchlein zu zupfen, und ihre Pfötchen zeigten beim Sitzen immer in alle Himmelsrichtungen. Sie wirkte etwas distanziert, aber doch interessiert, und liess sich gerne am Köpfchen kraulen. Richtig phlegmatisch sei sie, erklärte die Pflegerin. Ein unspektakuläres, herziges Tier, das nicht gefallen wollte – und mir gerade deswegen von Anfang an gefiel. So beschloss ich, sie und ihre nicht minder süsse schwarzweisse Schwester Bätzi (ja, diese hiess tatsächlich wie der Schnaps) zu adoptieren.

In den ersten Monaten bei uns blieb Chichi zurückhaltend im Hintergrund – als ob sie sich für allzu innige Interaktionen mit den neuen Besitzern zu schade gewesen wäre. Tatsächlich ging sie neben ihrer pfundigen Schwester Bätzi etwas unter, da diese wortwörtlich viel Platz einnahm. Sie ähnelte einer schwarzweissen Version von Garfield und war nicht nur viel dicker, sondern auch zutraulicher als die vornehme Chichi. Wenn sie sich laut schnurrend auf mich wuchtete, blieb Chichi oft aussen vor.

Bald starb Bätzi trotz allen Versuchen, sie zu retten, an Organversagen.

Chichi aber schien sie nicht sehr zu vermissen. Sie blühte auf, stand neu im Mittelpunkt. Noch immer war sie kein sehr auffallendes Tier. Doch ihre unspektakuläre Art machte sie irgendwie besonders, und sie wuchs mir immer mehr ans Herz. Bald war eine Wohnung ohne sie nicht mehr vorstellbar. Sie war tatsächlich ruhig und phlegmatisch, abgesehen von ihren täglichen Ausrastern, während denen sie geräuschvoll durch alle Zimmer rannte. Sie schlief viel – auf Bett, Sofa oder auf dem Schrank, auf den sie hochkraxelte, um standesgerecht auf die Untertanen herunterzuschauen. Und selbstverständlich auf meinem Computer, wenn ich etwas schreiben wollte, oder auf meinen Unterlagen für die Uni, wenn ich diese lesen sollte. So fläzte sie stets neben mir auf dem Tisch, wenn ich lernte. Auf dem Balkon legte sie sich gerne in grosse Blumentöpfe und sonnte sich. Und immer mal wieder konnte sie, die Wohnungskatze, etwas Frischluft tanken, wenn ich mit ihr in den grünen Innenhof ging. Dort vergass sie ihre Verschlafenheit und hielt sich jeweils für eine Wildkatze, die todesmutig Bäume emporkletterte.

Vom Umzug in die neue Wohnung war sie gar nicht begeistert – zunächst schäumte sie fast vor Aufregung. Innert Tagen schien sie sich aber daran zu gewöhnen und lag auf dem neuen, etwas grösseren Balkon an der Sonne.

Als wir eines Tages aus den Ferien heimkehrten, fiel uns auf, dass sie sich anders bewegte. Sie ging langsamer und tollpatschiger als zuvor und rannte nicht mehr herum. Ihre Pupillen waren nicht mehr schlangenartig schmal, sondern ständig riesengross und rund. Wir stellten fest, dass sie erblindet war. Dass Chichi sich nun etwas vorsichtiger durch die Wohnung tasten musste, schien sie aber nicht gross zu belasten. Und bei uns gewann sie durch ihr Handicap nur noch mehr Zuneigung und Fürsorge. Zudem wurde sie, um einen Sinn beraubt, nun viel anhänglicher und suchte Körperkontakt. Häufig legte sie sich zwischen uns ins Bett und vibrierte behaglich, während sie unsere Köpfe mit ihren Schnurrhaaren abtastete. Wenn mein Freund sich auf das Bett legte, kam sie auf ihren dünnen „Steckenbeinen“ herangestakst und kuschelte sich sogleich mit ihrem Köpfchen in seine Achsel. Am liebsten legte sie ihm dabei ihre Pfote aufs Gesicht, nur um sicherzugehen, dass sie niemals den Kontakt verlor.

Chichi, so zart und lieb sie auch war, konnte genausogut nerven, wie sie uns verzaubern konnte. So kratzte sie nachts häufig stundenlang und unermüdlich an der Schlafzimmertür. Sie setzte die stinkendsten Bomben in die Katzenkiste und liess die Wohnung nach faulen Eiern miefen. Zwischendurch wagte sie sich auch blind noch todesmutig auf Möbel hinauf, um dann regelmässig hilflos miauend danach zu verlangen, dass man sie wieder auf sicheren Boden herunterhob. Im Laufe der Jahre entdeckte sie, die zuvor fast stumm gewesen war, das Miauen für sich. Obwohl sie jeden Tag um 17 Uhr ihr Futter erhielt und wir sie niemals vergessen hätten, ging sie auf Nummer sicher: Manchmal begann sie bereits um 14 Uhr, nervös miauend von Zimmer zu Zimmer zu hechten. „Määääääuuuu“, stiess sie alle zehn Sekunden empört aus. „Ich bin die ärmste Katze, ich werde hier nicht gefüttert, ich werde mich beklagen! Bald sterbe ich am Hungertod.“ Als sie blind war, wurde ihr Herumgerenne noch viel hektischer, weil sie dabei ihre Vorsicht vergass und fast in die Wände prallte. Manchmal veräppelte sie uns mit ihrem theatralischen Klagen auch – und bekam deshalb in letzter Zeit öfters zweimal nacheinander von zwei verschiedenen WG-Mitgliedern Futter.

Und doch – sie machte uns einfach glücklich. Es entspannte mich, ihr weiches Fell zu streicheln, ihre kleinen, feinen Pfötchen zu halten. „Eigentlich tut sie ja gar nichts“, sagte ich kürzlich zu einer Kollegin. „Sie frisst und schläft und liegt zwischendurch bei uns auf dem Bett. Und doch macht sie uns so viel Freude damit, dass sie bei uns ist.“

Damals wusste ich nicht, dass ich sie nur kurz später, an einem Sonntagabend, im Wohnzimmer vorfinden würde, seltsam verrenkt auf der Seite liegend: Ihr ganzer Körper war wie in einem Krampf angespannt, sie reagierte nicht mehr auf Streicheleinheiten, ihre kleinen Pfoten zuckten unkontrolliert und sie miaute immer wieder schrill.

Nur eine halbe Stunde vorher stakste sie noch wie gewohnt bei mir auf dem Bett herum, ich streichelte sie abwesend, während ich eine Serie schaute. Sie wirkte völlig normal – beziehungsweise so normal, wie sie halt sein konnte, mit ihren runden blinden Augen und ihrer speziellen Art. (Ich behaupte ja, jede Katze spinnt ein bisschen – genauso wie ihre Besitzer, crazy cat lady lässt grüssen.) Eben noch war sie wieder einmal beim Versuch, auf das Bett zu springen, aus „Blindheitsgründen“ in meinen Laptop geknallt – was mir jedes Mal extrem leid tat, wenn es geschah. Trotzdem versuchte sie den Sprung gleich noch einmal etwas weiter bettabwärts und landete dann glücklicherweise wohlbehalten auf der weichen Bettdecke. Ich ass Käse, und sie roch an meinen Fingern. Vermutlich hielt sich mich für einen überdimensionierten Käse, denn sie wurde übermutig und versuchte, in meinen Zeigefinger zu beissen. „He,Chichi!“, sagte ich vorwurfsvoll, denn an mir geknabbert hatte sie schon lange nicht mehr. Aber ich konnte ihr nicht böse sein und streichelte sie gleich wieder. Später nieste sie mir nach klassisch nonchalanter Chichi-Manier direkt ins Gesicht und legte sich schnurrend neben mich. Ein Abend wie jeder andere.

Irgendwann stand sie auf, verliess das Bett, ohne dass ich es bewusst mitkriegte, und ging ins Wohnzimmer. Dort fanden wir sie kaum eine halbe Stunde später in besagtem Zustand auf. Vermutlich sei etwas im Hirn irreversibel zerstört, sagte der Tierarzt im Tierspital. Dort lag sie nur noch flach atmend auf dem Untersuchungstisch, vermutlich schon halb im Nirvana, bevor die Spritze zum Einschläfern überhaupt in die Nähe ihres Beinchens kam. Ein Leben ging zu Ende. Und obwohl es ein schmerzhaftes Loch in mein Herz riss, war ich froh, dass sie ihren Lebensabend bei uns verbringen konnte. Nicht nur konnten wir ihr ein gemütliches Altersheim bieten – auch sie gab uns so viel.

Sie war trotz oder gerade wegen ihrer noblen Zurückhaltung eine besondere Katze. Wenn sie eine angelehnte Tür aufstiess und ein Zimmer betrat, klang das oft, als würde ein ausgewachsener Mensch mit viel Tamtam hereinkommen. Aber es war nur eine kleine, schwarze Katze, die wusste, wie sie sich zwischendurch einen grossen Auftritt verschaffen konnte.

 

 

 

Drei Stunden am Rande eines Nervenzusammenbruchs

Der Tauchgang ohne das geliebte Kommunikationsgerät
Der Tauchgang ohne das geliebte Kommunikationsgerät

Heute war mein Handy plötzlich unauffindbar. Zunächst dachte ich mir nichts Besonderes dabei und wühlte in meiner Tasche herum. Doch diesmal stellte sich das glatte Gefühl an den Fingerkuppen nicht ein, das ich verspüre, wenn ich mein Handy zu greifen bekomme wie einen glitschigen Fisch im Wasser. Und das war der Beginn von drei Stunden am Rande eines Nervenzusammenbruchs.

Ich räumte meine Tasche fein säuberlich aus – dabei kamen Krümel und ein geschätztes Dutzend Kassenzettel ans Tageslicht, aber kein Handy. Schon jetzt stiegen erste Horrorszenarien in mir auf. Was, wenn es jemand bei meinem vorherigen Einkauf gestohlen hatte? Sofort lief ich den gesamten Weg zum Supermarkt zurück und hielt Ausschau. Beim Kundendienst fragte ich, ob jemand mein Handy abgegeben hatte. Ich muss ausgesehen haben wie auf Entzug, verwirrt und hilflos, vielleicht sogar mit leicht irrem Blick: „Entschuldigen Sie, ich suche mein Handy…“ Mitleidig-ungeduldig wurde ich abgewimmelt.

Zu Hause erkannte ich, dass ungewollt handy-los zu sein tatsächlich Entzugserscheinungen mit sich bringt. Nicht nur, dass ich das gewohnte, beruhigende Gefühl des Plastiks unter meinen Fingern vermisste. Auch war da das drängende Gefühl, dass ich unbedingt erreichbar sein musste. Allerdings habe ich seit längerem keinen Festnetzanschluss mehr. Also war ich abgeschnitten von der Zivilisation… Sicherlich wollten mich ausgerechnet jetzt alle erreichen! Und ganz bestimmt waren es Notfälle! Und ich konnte nichts tun.

Meine Suchtechnik wurde kreativer. Oder vielleicht auch verzweifelter. Ich suchte in der Waschküche, im Küchenschrank, im Badezimmer, unter dem Bett, sogar im Kühlschrank… Dort fand ich zwar eine fröstelnde Schnecke auf meinem Biosalat, aber kein Handy. Verstört knallte ich den Kühlschrank zu und tat mir sehr leid: Denn nun war ich im Besitz einer Nacktschnecke, aber hatte kein Mobiltelefon mehr.

Ein neues Handy zu kaufen würde mich finanziell ruinieren, da war ich mir jetzt ganz sicher. Ich werde arm wie eine Kirchenmaus sein und muss mich vielleicht eines Tages sogar von den Schnecken auf meinem Salat ernähren, weil das Geld einfach nicht mehr reicht. Schliesslich werde ich so in die Armut abrutschen, dass ich vor dem Bahnhof stehen und nach „e chli Münz“ fragen muss. Und das alles nur wegen dem grauen Tag, an dem mein Handy mich im Stich liess, mich isolierte von sämtlichen Kontakten und jegliches normales Funktionieren verunmöglichte.

Was war das für ein Geräusch? Es klang wie der Signalton meines Handys. Ich griff nach meiner Tasche, wühlte noch einmal darin – und bekam ihn zu fassen, den Fisch. Er war die ganze Zeit in einer geheimnisvollen verborgenen Ebene meiner Tasche gewesen. Immer in meiner unmittelbaren Nähe. „Du hast mich doch nicht verlassen.“, hauchte ich erschöpft und umklammerte mein Handy. „Mein Leben ist gerettet.“

Denkeber denkt über den Tod nach

todVor etwas mehr als einem Jahr schrieb ich das folgende Essay über den Tod – und war wieder einmal erstaunt, wie persönlich und intim es wird, sobald man sich mit diesem Thema auseinandersetzt. Aus diesem Grund nannte ich es „Eine ausserordentlich intime Tatsache“.

„Tod und Sterben“ – so hiess damals eine Spezialwoche am Gymnasium. Ich war etwa 15jährig und in freudiger Aufregung. Dies war ein Thema, das mich garantiert nicht gelangweilt auf meinem Stuhl herumrutschen liess. Es versprach brisant und gleichzeitig etwas beunruhigend zu werden. Vergleichbar mit den Horrorfilmen, die ich zu jener Zeit gerne schaute. Doch ich war nicht darauf vorbereitet, wie persönlich mich das Ganze berühren würde: Am Ende dieser hochspannenden Woche war ich eine Fünfzehnjährige, die das Leben aus einem anderen Blickwinkel sah. Mir war klar geworden, dass der Tod immer da ist. Leben ohne Tod ist eine Illusion. Irgendwo ist der Tod immer, sei es in den Todesanzeigen in der Zeitung, im Krematorium, im Spital oder bei einem Sterbenden zuhause. Pickel, Matheprüfungen, der Schulschwarm – das waren die Alltagsprobleme eines Teenagers. Und währenddessen lagen da tote Menschen in Leichenhallen, wurden Gräber ausgehoben oder starben Patienten in Operationssälen. Alles gleichzeitig. Es kam mir vor, als würde ich zum ersten Mal ganz klar sehen. Auf eine seltsame Art und Weise war ich begeistert von dieser Erkenntnis. Ich spürte plötzlich mehr Bedeutsamkeit – Friedhöfe waren nicht mehr nur eine graue Ansammlung stummer Gräber, sondern Pärke mit einer Atmosphäre voller Geschichten. Zuweilen blickte ich mich im Schulzimmer um und wusste: Alle diese Leute, die jetzt so frech und jung und frisch aussahen − alle würden sie einmal sterben. Genau wie ich. Aus diesem Blickwinkel war selbst die am meisten auf Coolness bedachte Mitschülerin nicht mehr so cool. Sondern nur noch verletzlich.

Als ich in der Öffentlichkeit über das Thema Tod sprechen wollte, machte ich eine irritierende Erfahrung. Ich stiess auf Reserviertheit oder sogar auf Abwehr. In naiver Offenheit wollte ich meiner Schwester in einem rappelvollen Zug von der Spezialwoche erzählen. Doch sie verzog das Gesicht und auch die Mitreisenden schienen unangenehm berührt zu sein. Ich war fast etwas beleidigt – „Es geht euch doch alle etwas an, also hat es euch auch zu interessieren!“, hätte ich am liebsten gerufen.

Heute, acht Jahre später, stelle ich fest, dass der Tod in unserer Gesellschaft immer noch wenig präsent ist. Es wirkt fast, als schicke es sich einfach nicht, ihn zu sehr zu thematisieren. Manche Leute reagieren auf das Thema Tod, als wollte man mit ihnen über ihre intimsten sexuellen Vorlieben sprechen.

Zugegeben: Manchmal bin auch ich in dieser Position. Dann will ich nichts von Schlafes Bruder wissen, weil mir seine Existenz einfach zu unbequem ist. Memento mori – wozu? Denn wenn ich den Gedanken an den Tod wirklich ganz an mich heranlasse, werde ich auch schon mal emotional. Da gibt es eine unbändige Wut: „Warum, Tod? Warum gibt es dich? Warum lauerst du mein ganzes Leben lang auf mich, um mich schliesslich verschwinden zu lassen?“ Dann schwappt eine derartig grosse Welle von Trotz über mich, dass ich kaum mehr atmen kann. „Lass mich doch in Ruhe, ich habe dir nie etwas getan!“ Manchmal trifft mich das Ausmass meiner Sterblichkeit mit voller Wucht und es schiesst Angst durch meinen Körper. Auch ich werde einmal sterben. Nicht nur die anderen. Auch ich, ich ganz persönlich. Diese Hände, denen ich beim Schreiben zusehe, durchblutet und lebendig, werden eines Tages fahl und kalt sein. Mein Körper wird eine leblose Hülle sein. Diese Vorstellung ist kein reines Fantasieren, sondern ein Fakt, eine ausserordentlich intime Tatsache. Es fühlt sich an, als wäre ich in einer Sackgasse gefangen. Ich weiss: Irgendwann werde ich am Ende der Strasse angelangt sein, und ich kann rein gar nichts tun, um dies zu verhindern.

Zurück in die Gymnasialzeit: Eines Tages war im Schulhaus ein Tisch voller Kerzen und Karten aufgestellt. Eine Schülerin aus meiner Parallelklasse war bei einem Autounfall gestorben. Alles, woran ich tagelang denken konnte, war: Wo ist sie denn jetzt hingegangen? Ist sie ganz allein auf diese Reise aufgebrochen? Sie war ein geselliger Mensch gewesen. Dass sie allein gestorben war, verwirrte mich in höchstem Masse. Ich schrieb damals in mein Tagebuch, dass ich hoffte, sie sei nun nicht einsam.

Dass der Tod Einsamkeit bedeuten könnte, ist meine grösste Angst. Wenn ich sterbe, verliere ich die geliebten Menschen um mich herum. Das ist ein Gedanke, den ich kaum zu Ende denken kann, ohne dass mir Tränen in die Augen schiessen. Warum ich glaube, dass ich meine Familie und meinen Partner durch den Tod unwiederbringlich verliere? Ich verstehe mich da selbst nicht. Umgekehrt habe ich auch, wenn Verwandte oder Bekannte von mir sterben, das Gefühl, dass sie nun für immer von mir getrennt sind. Doch ist „immer“ auf dieses Leben beschränkt oder auf die Ewigkeit?

Meine vagen Ängste zeigen mir überdeutlich, dass die Abneigung, die wir Menschen dem Tod entgegenbringen, mit eigenen, sehr lebensnahen Problemen zu tun haben. Was wir im Leben fürchten, meinen wir im Tod, diesem verschwommenen Phantom, zu erkennen. Und was wir uns von einem Leben nach dem Tod erhoffen – paradiesische Zustände ohne Schmerz und Anstrengung – ist vermutlich das, wonach wir uns schon zu unseren Lebzeiten sehnen. Der Tod scheint somit nichts als ein Spiegel des Lebens zu sein. Niemand weiss, was hinter der Spiegelfläche verborgen ist. Was uns bleibt, sind Vermutungen und Wünsche.

Ein uralter Wunsch ist der nach Unsterblichkeit. Ewig leben, ein Leben ohne Todesaussicht, hat etwas sehr Verlockendes. Vielleicht würde es einem von dieser Angst vor dem Ungewissen und dem Verlust befreien. Und es könnte einem das Gefühl geben, perfekt zu sein. Warum ich auf diese Idee komme? Dazu muss ich etwas ausholen:

Als ich kürzlich las, dass ein Hollywoodstar in einem völlig zerstörten Autowrack starb, fühlte sich die Nachricht dieses Todes völlig unlogisch und unpassend an. Viele Prominente strahlen Vollkommenheit, glattgebügelte Perfektion aus. Durchtrainierte Körper, gebleichte Zähne, teure Anzüge und Kleider, die im Licht der Blitze von Hunderten Kameras präsentiert werden. Diese Menschen machen den Anschein, als seien sie nicht anfällig für Sterblichkeit. Sie wirken nicht „normal sterblich“. Sterblichkeit scheint heute fast ein Makel zu sein. Und wieso sollten gefeierte Berühmtheiten den geringsten Makel aufweisen? Aus diesem Grund reagiert die Öffentlichkeit jeweils derart schockiert auf deren Tod: Es passt nicht zur Perfektion. Wer durch einen Autounfall stirbt, ist menschlich und nicht perfekt. Zu einer Gesellschaft, in der nur Vollkommenes betrachtet werden will, nur immer mehr Wachstum angestrebt wird, passt der Tod nicht. Er hat keinen Platz im modernen Leben. Wie man Krankheiten, Drogensüchtige, Obdachlose und alles, was nicht schick und rein ist, nicht sehen will, möchte man auch den Tod ignorieren. Die Ohnmacht gegenüber einem Ereignis, dem kein einziges Lebewesen je aus dem Weg gehen kann, lässt uns ganz klein zurück. Da ist nicht mehr viel von der Stärke und Unbezwingbarkeit, die sich Menschen gern zuschreiben. Selbst Stars sind nicht wirklich Sterne – nein, sie sind bloss Sternenstaub wie alle andern und vergehen genauso schnell.

Diese Erkenntnis macht betroffen und entzaubert vieles. Vermutlich wünschen sich deshalb viele Menschen, unsterblich zu sein. Vermutlich unterziehen sich deshalb manche Leute mit steigendem Alter verschiedenen Schönheitsoperationen: Um jedes Zeichen des nahenden Todes zum Verschwinden zu bringen. Um nicht daran erinnert zu werden, dass das wahre Leben wenig mit dem schönen Schein von Berühmtheiten auf überdimensionierten Werbeplakaten zu tun hat.

Ich selbst würde das ewige dem endlichen Leben nicht vorziehen. Und das liegt nicht nur daran, dass ich das Altern sehr faszinierend finde und mich ein bisschen darauf freue. Für mich hätte ein endloses Dasein im selben Körper und in der selben Welt einfach keinen Reiz mehr. Natürlich, man könnte jeden Winkel der Erde erforschen und vielleicht eines Tages den Weltraum. Doch was danach? Was, wenn der Geist irgendwann nur noch müde ist, der Körper jedoch nie altert? Eine schreckliche Vorstellung. Dagegen ist mir sogar die Fremdheit lieber, die ich empfinde, wenn ich jemanden, den ich kannte, in der Leichenhalle liegen sehe. Die toten Menschen, die ich bisher sah, haben für mich nicht „schlafend“ oder „friedlich“ gewirkt. Nur tot. Ihre Körper schienen leer zu sein. Sie lagen da wie wächserne Hüllen. Das, was sie einst ausmachte – es war fort und ich erkannte sie kaum wieder. Was erschreckend klingt, war gut für mich: Hätten sie nur schlafend ausgesehen, hätte ich wohl nicht realisiert, dass sie wirklich fort sind. Die Erkenntnis, dass es endgültig ist und die Person nicht plötzlich aufspringt und schreit „Ich habe nur geschlafen!“, hat mir in meinem Trauerprozess sehr geholfen. Diese toten Körper waren unmissverständlich in ihrer Aussage: Da ist jemand gegangen. Ganz allein.

Der Tod wird, wenn er denn überhaupt thematisiert wird, oft romantisiert oder grösser dargestellt als er ist. Es war aber nichts Spektakuläres dabei, als ich meine verstorbene Grossmutter regungslos daliegen sah. Es war einfach nur normal. Und als ich mit vom Weinen verklebten Augen wieder aus dem Gebäude ans Tageslicht trat, rannten da Kinder herum, und auf den Bäumen sassen Vögel und zwitscherten, als wäre nichts. Genauso wird es einmal sein, wenn ich gestorben bin.

Wenn mir klar wird, wie kurz und begrenzt ich lebe, wie schnell mein Funken wieder erlöscht ist und ich vergessen werde – dann deprimiert mich das nicht. Es motiviert mich eher. Ich fühle mich durch diesen Gedanken richtig befreit: Mein Leben ist gar nicht so unglaublich wichtig, wie es mir manchmal erscheint. Es ist weder spektakulär noch dramatisch. Es beruhigt mich, dass nicht alles in meiner Macht steht. Ich muss nicht gegen den Tod ankämpfen. Das erfüllt mich mit einer gewissen Demut, mit einer ruhigen Akzeptanz, die die manchmal jäh einschiessende Angst vor dem Ende wieder beruhigt.

Sich des eigenen Todes zu erinnern, muss also nicht immer furchterregend sein, sondern kann sich auch als hilfreich herausstellen. Das fiel mir auch damals auf, in der anfangs genannten Spezialwoche am Gymnasium. Vieles kam mir dazumal gross und etwas einschüchternd vor, sei das ein Gespräch mit dem Schwarm oder eine Präsentation, die ich halten sollte. Details konnten mich in grosse Aufregung versetzen. Sich meiner Sterblichkeit bewusst zu werden, hatte eine relativierende Wirkung. So kann ich zuweilen noch heute meinen Alltagssorgen mit Gelassenheit begegnen.

Doch übertreiben muss man es meiner Ansicht nicht. Letztlich sollte der Tod zwar nicht ausgeklammert werden, doch das heisst nicht, dass er ständig in den Gedanken und im Bewusstsein sein muss. Wenn ich jeden Tag durch den Bahnhof gehe und mir bei allen Leuten, die mir begegnen, in Erinnerung rufe, dass sie dereinst sterben werden, macht mich das nicht lebensfroh. Sondern traurig. Und auch die Binsenweisheit „Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter“ ist für mich nicht praktikabel. Würde ich das ernst nehmen, wäre ich täglich voller Trauer, dass mein Dasein bald zu Ende wäre. Aus diesem Grund gefällt mir der erste Teil der Platitüde um einiges besser: „Lebe jeden Tag“, also „carpe diem“. Den Moment vollumfänglich zu geniessen – das macht uns Menschen für einen klitzekleinen Augenblick vielleicht tatsächlich unsterblich. Oder fühlt sich zumindest so an.

Von schweinischen Sprüchen und unerwünschten Anmachen

Tschuldigung, würde mich mal eben jemand blöd anmachen?

Das folgende Essay habe ich vor einigen Monaten verfasst. Damals war mir aufgefallen, dass viele Frauen von Situationen im öffentlichen Raum zu berichten wussten, in denen sie respektlos angegangen wurden. Aber lest selbst:

Was wollte ich noch einmal einkaufen? Ich hatte es völlig vergessen. Während ich wahllos Lebensmittel aus den Regalen nahm, konzentrierte ich mich darauf, nicht loszuweinen.

Moment, stopp! Spulen wir einige Minuten zurück: Als ich den Laden betrat, kamen mir ein paar junge Männer entgegen. Sie lachten über einen Witz, den wohl nur sie selbst verstanden. Plötzlich blickte mir einer der Jugendlichen unverhohlen in den Schritt – und dann ins Gesicht. Dabei schleuderte er mir ein abwertendes Wort für das weibliche Geschlechtsteil entgegen. Es ist ein Schimpfwort, das so abschätzig klingt, dass es mich regelrecht schmerzt. Sobald ein Mensch, den ich ansonsten sympathisch finde, diesen Begriff gebraucht, beginnt meine Sympathie zu bröckeln.

Die Freunde des Jugendlichen quittierten seine Äusserung mit einem beiläufigen Lachen. Ich hingegen war konsterniert, als hätte er mir einen Schlag ins Gesicht verpasst. Ehe ich verstand, was los war, hatten mich meine Beine in den Laden hineingeführt. Dort, zwischen Toastbrot und Frühstücksflocken, spürte ich, wie mir Tränen in die Augen schossen.

Im Ausgang von Fremden betatscht und beleidigt zu werden; im Sommerkleid sexuelle Kommentare nachgerufen zu bekommen oder von Männern in Militäruniform als Schlampe bezeichnet zu werden… Es ist kein Zufall, dass ich dies im Passiv schreibe. Denn genauso fühle ich mich in solchen Momenten: Passiv und unfähig zu einer sinnvollen Reaktion.

Wenn ich mit meinem Freund unterwegs bin, passiert mir so etwas nie. Ist eine Frau, die alleine oder mit Freundinnen unterwegs ist, Freiwild? Zum verbalen Abschuss oder taktilen Übergriff freigegeben?

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Erinnerungen tauchen auf. Sie sind nicht alle skandalös. Manches ist subtil. Zuweilen sind gerade die feinen Facetten das Unangenehmste: Diese lautlosen, hungrigen, geringschätzenden Blicke.

Über den Grund solch respektlosen Verhaltens kann ich nur spekulieren. Manchmal glaube ich, dass gewisse Teenager noch nicht so genau wissen, wie ein angemessener Umgang mit dem anderen Geschlecht aussehen könnte. Jungs, heillos überfordert mit ihrem Hormonüberschuss – den junge Frauen in diesem Alter übrigens sicher genauso heftig empfinden, nebenbei bemerkt –, wollen wahrscheinlich Aufmerksamkeit. Da sie aber noch nie eine Frau berührt haben und Sex erst von einschlägigen Internetfilmchen kennen, ist ihr Bild von Frauen ein eindimensionales. Im Grunde möchten sie gerne sagen: „Bitte, beachte mich doch, sieh her zu mir! Ich möchte doch so gerne eine Beziehung haben!“ Stattdessen kommt aus ihrem Mund: „Ey du Bitch, was schaust du so scheisse?“ oder etwas äquivalent Charmantes. Bei anderen, älteren Männern, die dasselbe Verhaltensmuster zeigen, fehlt zwar nicht mehr unbedingt die Erfahrung, aber vielleicht die Intelligenz, die Sozialkompetenz – oder was weiss ich. Klar ist, dass auf jeden Fall etwas fehlen muss. Ich tippe auf ganze Gehirnareale.

Zurück zu meinen Tränen. Ich blinzelte sie rasch weg; sie machten mich nun fast noch wütender als der Vorfall selbst. Tolle Reaktion von mir, wirklich! Warum hatte ich nichts entgegnet? Wieso bloss bestand mein einziger Instinkt darin, die Szenerie schnellstmöglich zu verlassen, um ein paar Regale weiter zu flennen? Und doch: Mir fiel keine andere Reaktion ein, die mir möglich gewesen wäre. Weil ich Beleidigungen normalerweise nicht erwarte, bin ich in einem solchen Moment zu überrumpelt, um souverän zu reagieren. Besonders fies dabei ist, dass Menschen in Gruppen Dreistigkeiten nicht selten mit Absicht so äussern, dass ihre Sprüche vage in der Luft hängen bleiben und niemand zur Verantwortung gezogen werden kann. Es ist auf diese Weise immer möglich, zu sagen: „Du warst doch gar nicht gemeint“.

Ich überlegte mir, ob die Shorts, die ich an diesem sommerlichen Tag trug, zu knapp geschnitten waren. Die Überlegung, dass ich selbst an dieser respektlosen Äusserung schuld sein könnte – darüber wurde ich nun gleich nochmals wütend. In dieselbe Richtung geht der unverfrorene Vorwurf, dass manche Frauen Belästigungen mit ihrem Kleidungsstil selbst provozierten. Sobald ich so etwas Dummes höre, habe ich das Gefühl, eine Zornesader auf der Stirn anschwellen zu spüren. Natürlich, jeder Mensch sollte sich darüber im Klaren sein, dass die eigene Bekleidung eine gewisse Wirkung hat. Ich beklage mich zum Beispiel nicht darüber, neugierig angeschaut zu werden, wenn ich ein unkonventionelles Kleid trage. Steigen die Temperaturen jedoch, kann frau sich entscheiden: Entweder sie zeigt keine Haut und kämpft sich schwitzend durch den Alltag. Oder sie kleidet sich an die Hitze angepasst und wird unter Umständen belästigt. Keine dieser beiden Optionen ist angenehm, mehr noch: Keine ist fair.

Wenn ich über diese Ungerechtigkeit schreibe, mag das klingen, als sei ich als junge Frau ein trauriges, armes Opfer. Doch genau diese Position möchte ich vermeiden. Mache ich mich zum Opfer, dann fühle ich mich in einer entsprechenden Situation noch passiver als ohnehin. Trotzdem möchte ich mich beklagen, mich dagegen aussprechen. Denn „ich bin dagegen, gegen alles zu sein, doch ich bin gegen so manches was mir bekannt ist, denn manches muss ja nicht sein“, wie es der deutsche Rapper Curse in seinem Stück „Widerstand“ so treffend formuliert. Vielleicht ist der Wunsch, meiner Empörung Ausdruck zu verleihen, auch nur ein Weg, um zu kompensieren, dass ich mich nicht adäquat zu wehren weiss. Womit wir wieder bei der Frage wären: Wie kann ich als Frau in einer solchen Situation angemessen reagieren? Und allgemeiner: Wie kann man und frau sich spontan gegen beleidigende Angriffe wehren?

Sofort kommt mir ein bestimmtes Verhalten in den Sinn, welches so manche Frau häufig an den Tag legt, ich inklusive: Die „kalte-Schulter“- oder die „Ich-ignoriere-dich-dermassen-dass-du-nicht-mehr-weisst-ob-du-existierst“-Strategie. Die Kunst besteht darin, bei Sprüchen und anzüglichen Blicken nicht im Geringsten mit der Wimper zu zucken. Die Quelle des Spottes wird demonstrativ übersehen und überhört. Nicht selten hat dies zur Folge, dass die Bemerkungen dadurch kurzfristig lauter und übermütiger werden. Dies jedoch nur, bis sie für den Provokateur peinlich werden und er damit aufhört, weil sie abprallen an einer Mauer aus eisigem Desinteresse. Tatsächlich habe ich diese Strategie schon so verinnerlicht, dass ich sie nahezu jeden Tag anwende, wenn ich in der Öffentlichkeit an einer Gruppe Männer vorbeigehe. Diese Taktik kommt nicht nur zum Einsatz, wenn bereits eine unangenehme Situation entstanden ist. Nein, ohne den bewussten Vorsatz, dies zu tun, blende ich fremde junge Männer in der Öffentlichkeit sogar dann aus, wenn sie mir gar nichts zuleide tun. Wie viele freundliche und harmlose Begegnungen entgehen mir dadurch! Mein Verhalten ist eine Art Prophylaxe, nennen wir sie die „Belästigungs-Prophylaxe“. – Wobei mir hierbei der Gedanke durchaus gefällt, dass Belästigung durch diesen Begriff als eine Krankheit betrachtet werden kann.

Irgendwann muss etwas in mir gemerkt haben: Sobald ich mit zu offenem Blick durch die Stadt gehe, treffe ich auf jene Männer, die diesen fälschlicherweise als eine Aufforderung zur Anmache interpretieren. Und sich in der Folge auf angenehmere oder doch eher auch unangenehmere Art und Weise bemerkbar machen. Meine Entwicklung von Offenheit zu zunehmender Verschlossenheit wurde mir erst vor kurzem bewusst. Und ich finde sie etwas traurig.

Denn es ist so, wie mit Scheuklappen durch die Welt zu gehen. Nicht mehr neugierig und teilnehmend, sondern leer und unbeteiligt schweift mein Blick irgendwo in die Ferne oder auf meine Füsse. Erschreckend, wie automatisch das geschieht! Dass die Struktur des Bodens plötzlich fürchterlich spannend ist, hat nichts mit mangelndem Selbstbewusstsein, Verlegenheit oder gar Furcht zu tun. Vielmehr habe ich mir diese eigenartig demütig anmutende Verhaltensweise ganz pragmatisch angeeignet: Mache ich nicht mit Blicken auf mich aufmerksam, nervt mich niemand! Im Grunde ziemlich schade. Ganz abgesehen davon, dass ich mit dieser Pauschalisierung sicher vielen Männern Unrecht antue, empfinde ich es auch als eine Art Beschneidung meiner Freiheit. Doch auf den Boden zu schauen ist wie ein Reflex, der sich hartnäckig hält.

Kommen wir zu der Frage zurück, wie ich auf schwierige Situationen reagieren könnte. Ich behaupte, dass es weder angemessen noch würdevoll sein kann, ständig einem „antrainierten Reflex“ wie dem automatischen Ignorieren nachzugeben. Auch wenn oder gerade weil das Ignorieren ein sehr einfaches Mittel ist, scheint es mir nicht die passende und vor allen Dingen keine erwachsene Reaktion zu sein. Erwachsen ist sie deshalb nicht, weil selbst kleine Mädchen das eiskalte Ignorieren von anderen Kindern beherrschen – wer schon einmal beobachtet hat, wie eine Gruppe Primarschülerinnen interagiert, weiss das. Die Sozialkompetenz einer 23jährigen Frau sollte sich idealerweise etwas über jene eines Schulmädchens hinaus entwickelt haben. Also gehört zu einem sinnvollen Umgang mit einer unangenehmen Situation mehr, als vorzugeben, dass einen das alles überhaupt nicht betrifft. Doch welche Reaktionen gibt es sonst noch?

Konfrontation – das wäre das andere Extrem. An der nötigen Portion Wut mangelt es mir nicht, um konfrontativ stehen zu bleiben. „Dein Gesicht sieht aus wie ein *abwertendes Wort für männliches Geschlechtsteil einsetzen*!“, hätte ich zum Jungen im Laden sagen können. Oder, etwas simpler und uninspirierter: „Halt die Fresse, du Arsch!“ Oder aber: „Was fällt dir ein?“, gefolgt von einer kurzen, klatschenden Ohrfeige. Klischiert wie aus dem Comic. Um es nicht ganz so stereotyp zu halten, wäre alternativ auch eine fliegende Faust oder ein eleganter Roundhouse-Kick möglich. Doch mir als Pazifistin entspricht das nun doch nicht sehr, so wohltuend sich solche Gewaltfantasien für das verletzte Ego auch anfühlen mögen. Bei diesem Szenario schleicht sich ausserdem ein unbehaglicher Gedanke ein: Was, wenn es sich um ein Missverständnis handelte? Wenn die Gruppe junger Männer sich nicht auf mich bezogen hatten und derjenige mit dem schmutzigen Wortschatz nur per Zufall provokativ in meine Richtung geschaut hatte? Diese Möglichkeit besteht − selbst wenn etwas scheinbar eindeutig ist. Unsere Sicht auf die Welt ist von unserem eigenen Filter getrübt. Längst nicht immer zeigt er die Realität. Irren wir uns hin und wieder nicht ganz gewaltig? Da wird ein unschuldiges Lachen über einen Insiderwitz gleich zu einem hämischen Auslachen oder ein gedankenverlorener Gesichtsausdruck zu einem unangenehm lüsternen Blick. Auf Basis meiner nicht immer hundertprozentig realistischen Einschätzung meiner Mitwelt einem jungen Mann die Zähne auszuschlagen, scheint mir daher etwas übertrieben. – Und auch die Möglichkeit, dass ich tatsächlich die Kraft dazu hätte, ist vermutlich nicht ganz realistisch, das muss ich an dieser Stelle wohl auch noch zugeben. Fitness hin oder her. – Also, die Taktik mit der Konfrontation auf körperlicher Ebene fällt dann mal weg.

Trotzdem: Auch wenn manches in dem Laden reine Interpretation gewesen wäre, spürte ich doch eine gewisse Feindseligkeit. Was kann ich tun, wenn ich eine solche Stimmung spüre? Was hätte ich zum Beispiel tun können, als mir ein Mann in Militäruniform während eines Gesprächs in einem Zugabteil unvermittelt sagte, ich sei eine Sharmuta, Arabisch für Schlampe? Den Begriff verstand ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, doch das Feixen im Gesicht meines Gegenübers sprach Bände. Ähnlich wie in der Situation im Laden war eine feindselig aufgeladene Stimmung zu spüren, die ich auch ohne Kenntnis der Fremdsprache sofort wahrnahm.

Eine aggressive Form der Reaktion fällt an dieser Stelle weg – mit einem beherzten Tritt in den Hintern befördere ich sie hier aus der Debatte, da ich weder verbale noch körperliche Gewalt für sinnvoll halte. Diese zeigen bloss, wie komplett überfordert jemand in einem solchen Moment ist, wie nahe am kindlichen Verhaltensmuster à la „Du schlägst mich mit deinem Sandkastenspielzeug, also ziehe ich dir mit meiner Schaufel eins über die Rübe.“ Wenngleich es mir manchmal so erscheint, als ob Kriege genau auf dieser simplen Logik basieren. Aber lassen wir das.

Bleiben wir bei der Frage nach einer adäquaten Reaktion auf Beleidigungen und Anzüglichkeiten.

Auf der Suche nach dieser einen, richtigen Reaktion möchte ich Sie gerne auf einen Exkurs mitnehmen: Zeit für eine kleine Reise zu meiner ersten bewussten Begegnung mit männlicher Aufmerksamkeit.

Mit 16, in einem Urlaub in Spanien, nahm ich zum ersten Mal wahr, dass mir Männer hinterherpfiffen. Es war eine völlig ungewohnte, fast berauschende Erfahrung. Die jüngere, unerfahrene Version meiner Selbst interpretierte die Pfiffe so: Da findet dich jemand attraktiv. Ich verstand es als grosses Kompliment und fühlte mich jedes Mal zugleich verlegen und bestätigt. Heute irritiert mich solches Pfeifen. Bin ich denn ein Hund?, frage ich mich und finde es eher beunruhigend als schmeichelnd, wenn mir nachgepfiffen wird.

Was ist passiert? Warum bin ich heute gegenüber männlicher Aufmerksamkeit mit Vorbehalten eingestellt und war damals so hungrig danach? Zwar trat keine Gewöhnung der Pfiffe und anderer Aufmerksamkeitsbezeugungen ein, doch das Neue, Spannende und somit auch das Wertvolle an dieser Erfahrung schmolz dahin. Ich fühlte mich allmählich gesättigt und fand: Jetzt reicht es, danke. Doch dieser Sinneswandel meinerseits war nicht beidseitig. Sprüche, Gesten und Pfiffe gingen weiter, völlig ungeachtet dessen, ob ich mich darüber freute oder ärgerte. Es ist diese Unerwünschtheit, durch die ich auch harmlose Annäherungsversuche oft als unangemessen empfinde. Zusätzlich stellte ich mit der Zeit verwundert fest, dass Kommentare und Blicke in Bezug auf Attraktivität gar nicht zwingend mit Respekt verbunden waren. Nein, im Gegenteil: Sexuell motivierte Sprüche sind häufig respektlos. Sex-Appeal und Schönheit können dazu führen, dass Frauen auf ihre körperliche Hülle reduziert werden. Diese Erkenntnis, dieser erste Kontakt mit Sexismus, desillusionierte mich.

Sexismus kann mich zornig machen. So zornig, dass ich manchmal fürchte, das Klischee einer bitteren, tobenden „Emanze“ zu bedienen. Obwohl ich mich gerne und stolz als Emanze und Feministin bezeichne, weiss ich, dass überkochende Emotionen nicht gerade förderlich sind für das Erreichen von Gleichberechtigung. Wenngleich sie auch als Triebkräfte fungieren können, die einen mit Energie versorgen. Das denke ich zumindest im Hinblick auf meine Namensvetterin Meret Oppenheim. Diese Künstlerin wurde früh in ihrer Laufbahn zur „Muse der Surrealisten“. Man Ray hielt sie in Aktbildern fest, soll aber auch gesagt haben: „Wenn eine Frau in der Kunst nur Frau ist, genügt das reichlich. Als solche muss sie jung und hübsch sein und so unverändert wie möglich.“ Angeblich litt Meret Oppenheim jahrelang unter einer Schaffenskrise, weil die Diskriminierung der Frauen sie richtiggehend lähmte. Diesen Zustand vermittelt sie uns mit dem Bild „Steinfrau“, auf dem ein Haufen Steine am Meeresrand zu sehen sind, die beim näheren Hinsehen einen weiblichen Körper bilden. Eine Frau, die erstarrt ist, erdrückt vom Gewicht der Welt. – Doch ich will kein Haufen Steine sein! Ich möchte mich wehren können! Wut kann dabei helfen, sich in Bewegung zu setzen und sich aus einem passiven Zustand zu befreien. Dass sie aber nicht einen ungefilterten, direkten Ausdruck finden darf, das habe ich bereits erkannt.

Es muss also einen Mittelweg geben zwischen vollkommener Ignoranz und einem unmittelbaren, aggressiven und zerstörerischen Gefühlsausbruch. Der viel zitierte goldene Weg der Mitte also, der so langweilig und unspektakulär klingt, dass einem beim blossen Gedanken daran das Gesicht einschläft. Der Weg, der nach Birkenstöcken, Meditations-Retreats und Soja-Gerichten riecht. Meine innere Dramaqueen möchte lieber den holprigen, abenteuerlich überwachsenen Trampelpfad gehen, nur um unterhalten zu werden. Doch ich esse im Grunde genommen ganz gerne Soja und meditiere auch. Also wieso nicht eine besonnene Reaktion ausprobieren? Die könnte zum Beispiel so aussehen, dass ich auf eine Beleidigung hin einfach nur interessiert frage: „Was hast du gesagt?“ oder „Sprichst du mit mir?“ Was danach passiert, ist schwer auszumalen. Womöglich wird eine neutrale, offene Reaktion am allerwenigsten erwartet. Sie könnte die Provokateure dermassen überraschen, dass sie das Gesagte nicht mehr wiederholen können. Sobald in ihrem amüsanten Schauspiel eine Akteurin ganz anders spielt als vorgesehen, verliert es an Reiz. Im besten Fall ist die Situation für sie selbst dann zu unangenehm oder zu peinlich und sie trollen sich. Es könnte aber je nach Gegenüber durchaus auch zu zusätzlichen Spannungen führen, wenn ich mich aktiv zu Wort melde. Trotzdem, dieses Risiko bin ich gewillt einzugehen, solange ich mich in einem Laden oder an einem anderen hoch frequentierten Ort befinde. Etwas zu sagen, und sei es nur eine Frage zu stellen, symbolisiert: Ich bin hier, ich bin aufmerksam und ich stehe für mich ein, wenn es nötig ist. Wider-Stand eben. Diese Haltung muss keinerlei Aggression versprühen, nur ruhiges Selbstbewusstsein. Sie ist allgemein sinnvoll einsetzbar, egal, in welcher Hinsicht Grenzen überschritten werden. Wenn ich so darüber nachdenke, kommt mir der vorhin noch altklug und zu vernünftig erschienene Mittelweg jetzt ziemlich cool vor. Wie der Chuck Norris unter den Reaktionen: Immer überlegen. Gut, dass ich ihm doch noch eine Chance gegeben habe.

Nun fehlt nur noch der Praxistest meiner „Besonnen-reagieren-für-Dummies“-Theorie. Doch dieser lässt auf sich warten. Seit ich mit dem Schreiben dieses Essays begonnen habe, bleiben unangenehme Begegnungen weitgehend aus. Ein Problem, denn ich möchte ja die Praxistauglichkeit meiner Lösung erforschen! Nun ertappe ich mich dabei, wie ich mich beim Einkaufen sehnsüchtig nach pickligen jungen Männern in Gruppen umsehe und mir überlege, wie ich sie dazu bringe, einen dummen Spruch über mich zu machen. „Sorry, könnte mich bitte mal jemand beleidigen?“ Aber nichts passiert. Wie enttäuschend! Möglicherweise ist das Ausbleiben von Anmache und Beleidigungen nur Zufall. Vielleicht liegt es aber auch an einer neuen Art von Bewusstsein, das ich der ganzen Thematik gegenüber entwickelt habe. Ich nenne es ein „Gewappnet-Sein“: Ich spüre ganz deutlich in mir, dass ich mich für mich einsetzen werde, wenn mich jemand schlecht behandelt. Da ist eine ruhige Gewissheit gewachsen, dass ich die Grenzen, die ich um mich herum abgesteckt habe, verteidigen werde – so wie ich auch einen guten Freund, eine gute Freundin in Schutz nehmen würde.

Ist die blosse Bereitschaft zum Widerstand die stärkste Waffe? Vielleicht sende ich das auch an potenzielle Provokateure aus – und es ist von vornherein klar, dass ich in ihrem Theaterstück kein Opfer spielen werde. Trotzdem: Sicherlich gibt es kein Geheimrezept, damit einem niemand mehr doof kommt. Menschen sind manchmal doof, daher wird es auch immer wieder doofe Situationen geben.

Mir hilft es, das Bild meiner Katze vor dem inneren Auge zu behalten: Die wehrt sich mit dezidiertem Kratzen und Beissen, sobald sie an der falschen Stelle gestreichelt wird oder jemand es sogar wagt, sie zu necken. Kaum lässt man sie aber in Ruhe, schläft sie in ebendieser Widerstandspose ein. Der Ausdruck der wilden Raubkatze weicht fliessend der Entspannung eines Schmusetigers. Sie bewegt sich gelassen von einem Zustand in den nächsten, ohne sich auf den Widerstand zu versteifen. Sich wehren, falls nötig, aber nie verkrampft in einer Defensivhaltung bleiben – das scheint die Lösung zu sein.

Das reflexartige Wegschauen versuche ich mir übrigens abzugewöhnen. Ich interessiere mich schliesslich deutlich mehr dafür, Menschen anzuschauen als Böden. Es gelingt mir immer besser.

Ein Aussteiger hat Schwein

Fuck the system?
Fuck the system?

Die letzten Tage verbrachte ich in rauer, nahezu unberührter Natur im Süden Frankreichs. Während ich den dortigen Frühling genoss, der mit einer grazilen und zugleich wuchtigen Eleganz erwachte, entstand eine Geschichte in mir. Genauer gesagt, zwei Geschichten, die parallel ablaufen.

Christian stand im Garten, die Frühlingssonne schien über seine Beete. Seine Stiefel waren schmutzverkrustet, unter seinen Nägeln klebte Erde. Gerade noch hatte er seine Hände im Boden versenkt gehabt, um ein zartes Pflänzchen anzudrücken und anschliessend mit Wasser tüchtig zu giessen, damit seiner Verwurzelung hier nichts mehr im Wege stand. Christian selbst fühlte sich hier schon lange verwurzelt. Zehn Jahre war es her, seit er beschlossen hatte, auszusteigen. Es war kein plötzlicher Entscheid gewesen, der ihn dazu bewogen hatte, seinen gut bezahlten Job als Bankkaufmann zu kündigen und der Schweiz den Rücken zu kehren. Vielmehr war es eine längere, schwelende Unzufriedenheit in ihm gewesen, die sich sukzessive aufgebaut hatte. Die immer stärker und drängender wurde, bis er wusste: Er musste etwas verändern. Nachdem er sich jahrelang mit Zahlen auseinandergesetzt hatte, mit ökonomischen Überlegungen, war in ihm ein Frust angewachsen, der sich kaum in Worte fassen liess. Es war eine Wut, manchmal eine Traurigkeit. Über die Ungerechtigkeit der Welt, in der er sich bewegte. Darüber, dass es immer nur darum ging, ob etwas rentierte oder nicht. Ob eine Investition sich auszahlen würde. Ob man genügend Geld gespart hatte. Geld, Geld, Geld…

„Geld, Geld, Geld!“, schrie Nora. „Dieses System ist krank!“ Als sie hinter den Köpfen der anderen Demonstrierenden Uniformen erblickte, spürte sie das Adrenalin durch ihren ganzen Körper rasen. Es war nicht nur Wut, sondern eine Art freudige Erregung, die sich in ihr breitmachte. Endlich, dachte sie, endlich kommen diese verdammten Bullenschweine. Einige junge Männer in ihrer Nähe zogen sich ihre schwarzen Kapuzen und Sturmmasken tiefer ins Gesicht und brüllten „Fuck the police!“ Die Polizisten betrachteten die Masse mit kühler Distanz, und Nora spürte, wie sie dies noch mehr in Rage versetzte. Diese Männer waren nicht „Freund und Helfer“, das waren die Leute, die das kranke System um jeden Preis bewahren wollten. Und sie waren so feige, sich hinter ihren dicken Helmen und Schutzuniformen zu verschanzen. „Schau mal, wie im Krieg sehen sie aus!“, spottete Nora, und ihr Freund pflichtete ihr bei. Und dann meinen sie, das provoziere nicht, wenn sie in dieser Kampfmontur aufkreuzen, dachte sie. Bereit, uns alle niederzuknüppeln, uns, die nur harmlos demonstrieren, wir wollen doch nur – Ehe sie den Gedanken ganz zu Ende denken konnte, stiess ein Typ links von ihr einen langgezogenen Schrei aus und schmetterte seine halbleere Bierflasche in Richtung der Uniformen. Er traf die Polizisten nicht. Die Szene erinnerte Nora an die Demonstration gegen den neu eröffneten Media Markt, gegen diesen absurden Auswuchs von Kapitalismus. Wie sie diese verdammte Weltordnung verachtete. „Kapitalistenschweine!“, schrie sie, und warf ihre Flasche über die Köpfe der anderen hinweg. Auch diese war nicht ganz leer, und Biertropfen lösten sich vom fliegenden Geschoss, glitzerten wie in Zeitlupe über der erregten Meute auf und gaben der Szenerie eine Art verklärte Demonstrationsromantik.

Der Mistral liess Christian frösteln, nachdem die Sonne golden hinter den bewaldeten Hügeln niedergesunken war. Nun fiel das Licht nicht mehr direkt auf die Pflanzen, und deren Farben veränderten sich faszinierend durch den schwächeren Lichteinfall. Hatten sie zuvor noch prall und hell geleuchtet, lagen sie nun in dunkleren, kühleren Farben im Schatten. Er schaute zufrieden über den Garten, den er in den letzten Tagen eifrig bearbeitet hatte. Das liess sich sehen, konstatierte er. Bald würde er das Gemüse wieder auf dem nahen Markt verkaufen können. Der frische Wind trieb ihn ins Steinhaus, wo seine Frau Marianne bereits bei Kerzenlicht am einfachen Holztisch sass. Sie arbeitete an ihrer Produktion von Seifen und Handcremen aus natürlichen Inhaltsstoffen, die sie ebenfalls bald auf dem Markt anbieten würde. Das Wohnzimmer roch angenehm nach diesen Produkten, vermischt mit dem Geruch nach frischem Brot und brennendem Holz. Christian warf zwei Holzscheite in den Ofen und betrachtete, wie sich das Feuer gefrässig darüber hermachte. Dann trat er ans Spülbecken und wusch sich die Hände mit einer von Mariannes Seifen. Das Wasser verfärbte sich braun von der Erde, die er abschrubbte. „Na?“, meinte er, als er zu Marianne an den Tisch trat. Sie lächelte zufrieden, aber etwas müde. „Ja, geht voran.“ Er streichelte ihr über die langen Rastazöpfe, die ihr den Rücken hinabfielen. Sie war vorgestern 51 jährig geworden, und noch immer strahlte sie mit ihrer Frisur, der sonnengebräunten Haut und den funkelnden, bernsteinfarbenen Augen Jugendlichkeit aus. Als sie damals, vor etwas mehr als zehn Jahren, darüber gesprochen hatten, auszusteigen, war sie zunächst skeptisch gewesen. Aber nach vielen langen Gesprächen war sie, die ursprünglich Heilpädagogin war, plötzlich überzeugter von der Idee gewesen als Christian selbst. Sie war schon seit ihrer Jugend politisch aktiv gewesen, hatte sich gewehrt gegen soziale Ungerechtigkeit und hatte manchmal vor Zorn über die Machenschaften der politisch Mächtigen geweint. Während einem der vielen Gespräche über das Aussteigen hatte es plötzlich aufgeleuchtet in ihrem Gesicht. „Christian “, sagte sie dann aufgeregt. „Weisst du was? Du hast Recht! Wir machen das! Wir steigen aus!“ Christian, überrascht über ihren Sinneswandel, hatte nachgefragt, warum sie nun dieser Meinung sei. Sie hatte gelacht, laut und schallend, als könnte sie nicht glauben, dass sie erst jetzt auf diese Idee kam. Dann hatte sie seine Hand gepackt und ihn angeschaut, voller Begeisterung über ihre eigene Erkenntnis. „Was bringt es, sich so über ein System aufzuregen, sich grün und blau zu ärgern? Was können wir tatsächlich ausrichten, um diese Welt zu einem besseren Ort zu machen? Das erreicht man doch nicht, indem man sich still aufregt, aber ebenso wenig, indem man Steine gegen Polizisten schmeisst. Die einzige logische Konsequenz ist es, unsere Kapitalismuskritik so zu leben, indem wir uns so gut es geht aus dem kapitalistischen System entfernen. Indem wir auf dem Land leben, in der Natur und in der Abgeschiedenheit. Indem wir uns selbst versorgen. Wir können die Welt nicht ändern, aber wir können unseren eigenen Lebensstil ändern.“ Und diese Aussage hatte, wie Christian jetzt ohne Übertreibung feststellen konnte, zu viel Ruhe und Glück in dem Leben des kinderlosen Ehepaares geführt. Natürlich fehlte es ständig an Geld, aber hier, mitten in dieser prächtigen Natur, war die Bedeutung von Geld geschrumpft. Geld konnte man nicht essen, das selbst gepflanzte Gemüse und die Früchte von ihren Bäumen hingegen schon.

Noras Augen brannten wie verrückt vom Tränengas, als sie mit ihren Freunden den Schauplatz verliess. Sie war etwas betrunken, darum mischte sich Euphorie in den Schmerz. „Hey, geht’s?“, fragte ihr Freund und zog sich die schwarze Maske vom Gesicht. Das, was sie durch ihren Tränenschleier von seiner Visage sah, wirkte kriegerisch und wild. Er war ein richtiger Held im Kampf gegen den Kapitalismus, im Kampf gegen die Wurzel des Bösen. „Ja, ja“, sagte sie überdreht, „denen haben wir`s aber gezeigt, oder? Diesen Arschlöchern von Bullen!“ „Jaa!“, kreischte ihre beste Freundin neben ihr; auch ihr Makeup war vom in der Luft herumwabernden Tränengas verschmiert. „Fuck the police! Nieder mit dem Kapitalismus!“ Dann wedelte sie Nora mit einer Cola-Pet-Flasche vor dem Gesicht herum. „Bist du durstig?“„Spinnst du, Coca Cola ist doch auch so ein riesen Konzern, der perverse Geschäfte macht!“, wehrte Nora empört ab. „Niemals würde ich so ein Gesöff trinken!“ Ihre Freundin liess die Flasche etwas betreten sinken, aber Nora vergass den peinlichen Zwischenfall sogleich wieder. Sie fühlte sich grossartig. In erster Linie fand sie die politischen Aktionen aufregend, weil sie Adrenalin und Chaos liebte. Sie hasste Langeweile. Aber das hätte sie natürlich niemals zugegeben. Nein, wenn man sie fragte, warum sie Gegenstände gegen Polizisten und Polizistinnen warf, war sie gut vorbereitet. Es gab nun mal zu viel Ungerechtigkeit in dieser Welt. Sie konnte ohne gross zu überlegen ein Dutzend Probleme aufzählen, die durch den Kapitalismus verursacht worden war. Routiniert und mit eingespielter Vehemenz erzählte sie dann von dem finanziellen Ungleichgewicht in der Welt, von Superreichen und unglaublich Armen, von Verfolgung nicht normkonformer Menschen, von Tierversuchen für die Pharmaindustrie, von Überfischung, von der gnadenlosen Ausbeutung des Planeten Erde. Sie hatte die Daten und Fakten, sie hatte sich eingehend informiert.
Zu Hause startete sie ihr MacBook, checkte ein paar online-Newsportale, schrieb einige kritische Kommentare auf facebook. Sie ordnete ihre Kleider, die sie gestern günstig bei H&M gekauft hatte. Mit diesen würde sie wohl ziemlich rockig und hip aussehen, vielleicht etwas rebellisch. So wie sie es mochte. Cool. Dann wandte sie sich widerwillig ihren Aufgaben für das Studium zu, das sie auf Kosten des Staates absolvieren konnte. Fuck Kapitalismus.